Die Verbindung zur Herrnschmiede Heinevetter in Heiligenstadt

Ein äußerst spannendes Kapitel ist nun im Teil II die Darstellung der Verbindung zur Herrnschmiede Heinevetter in Heiligenstadt.
Dies schließt an an die Geschichte von Martinus Johann Heinevetter (1687-1770) aus der Herrnschmiede – Schmied, Küster zu St. Aegidien, Schulmeister – Gründer einer Lehrerdynastie in/ab Reinholterode.

Diese Linie geht überraschender Weise wesentlich weiter – nach Ferna, (Böseckendorf), Bischofferode und zur Wingeröder Obermühle.

Die bildliche Verbindung Obermühle zu Wingerode & Herrnschmiede zu Heiligenstadt.
Quelle: FamilienArchiv Heinevetter, Wingerode & FamilienArchiv Heinevetter, Heiligenstadt

Die dem Kloster Beuren zins- und Lehnspflichtige Wingeröder Obermühle hatte ihren Standort nördlich des alten Ortskerns zwischen der Leinestraße und dem Leinefluss. Weil sie im Unterschied zur zweiten Mühle im Dorf, der Untermühle, weiter oberhalb im Tal der Leine lag, hieß sie Obermühle. In den Quellen taucht sie in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf. Um möglichst viel Wasser für den Antrieb des Wasserrads zur Verfügung zu haben, wurde der obere Abschnitt des Mühlgrabens so angelegt, dass sowohl das Wasser der Leine als auch des Etzelsbaches mithilfe von 2 Wehren der Mühle zugeführt werden konnte. Während des Zweiten Weltkriegs, ca. um 1940, stellte die Obermühle leider ihren Betrieb ein.

Das Wasserrecht

Für den Betrieb einer Mühle ist das sogenannte Wasserrecht elementar. In den überlieferten Eintragungen auf Antrag des seinerzeitigen Mühlenbesitzers Wilhelm Heinevetter vom 15. August 1924, eingetragen am 24. April 1937 (1), können wir folgendes entnehmen:
Dem Eigentümer der im Grundbuch von Wingerode eingetragenen Mahl-Mühe steht das Recht zu, das Wasser der Leine in der Gemarkung Wingerode durch ein festes Wehr bis zur Höhe des Fachbaumes (102,38 m) anzustauen. Sodann das angestaute Wasser durch einen Mühlengraben abzuleiten und dem Etzelsbach zuzuführen. Somit das Wasser des Etzelsbaches mit dem eingeleiteten Leinewasser durch ein festes Wehr bis zur Wehrkrone in 101,65 m anzustauen. Weiterhin das angestaute Wasser zum Antrieb eines oberschlächtigen Wasserrades durch den Mühlgraben zu leiten und nach dessen Benutzung wieder in die Leine zurückzuleiten.

Der Festpunkt mit angenommener, eingemessener, Höhe von 100 m wurde am Wohnhaus mit einem Bolzen eingelassen. An rechtmäßigen Anlagen waren vorhanden (u.a.): ein festes Wehr mit weiterem Fachbaum in der Leine, ein Mühlgraben von der Leine zum Etzelsbach, ein festes Wehr im Etzelsbach mit hölzernen Fachbaum von 5 m Breite, ein Mühlen-Obergraben und -Untergraben, eine hölzerne Triebwerksschleuse, eine Freischleuse am Triebwerk sowie letztlich ein oberschlächtiges Wasserrad von 3,20 m Durchmesser und 1,10 m Breite.
(vgl. hierzu: Josef Reinhold, Mühlen und Müller im Eichsfeld, von Leinefelde bis Bodenrode, Mecke Verlag, Duderstadt, 2007)

Die Heinevetters als Müller

Diese sind nachweisbar in Wingerode frühestens ab etwa 1828. Dort ist im Kirchenbuch Wingerode notiert, dass dem Müller Johannes Heinevetter und der Regina Pfafferott (Pfafferodt) eine Tochter getauft wurde. (15) Johannes Joseph Heinevetter (1792 – 1857), geboren in Ferna, kam über Böseckendorf, wo er 1819 Anna Regina Pfafferodt, geboren in Bischofferode, (1796-1870), heiratete via Bischofferode nach Wingerode. Besagter Johannes Joseph Heinevetter kaufte vor 1828 die Wingeröder Obermühle. Auch seine Frau Regina (1796-1870), die er 1819 geheiratet hatte, stammte nicht aus Wingerode, sondern aus Bischofferode. (16)

In der Zeit von 1830 – 1841 wird Johannes Heinevetter in den Quellen als Müller und Schulze bezeichnet.

1860 ist vermerkt, dass Carl Heinevetter (1834 – 1912), ein Sohn des Vorbesitzers Johannes Heinevetter, am 31. März vor der Kreisprüfungskommission des Müllerhandwerks in Worbis die Meisterprüfung im Müllerhandwerk ablegte. Der Meisterbrief von Carl Heinevetter wurde überliefert.

Meisterbrief Müllerhandwerk Carl Heinevetter
vom 31. März 1860.
Quelle: FamilienArchiv Heinevetter, Wingerode

Für das Jahr 1884 ist zu ermitteln, dass der Müllermeister und Landwirt Carl Heinevetter sich als Pionier bei der Einführung technischer Neuerungen der Landwirtschaft erwies. Er war als erster Bauer von Wernigerode bereit, eine Dreschmaschine mit Göpelantrieb zu kaufen. Zum bäuerlichen Betrieb des Obermüllers gehörten etwa 20 ha Nutzfläche. (17)

Für das Jahr 1918 wird als Besitzer der Obermühle (Hausnummer 129) der Müller Wilhelm Heinevetter (1869-1941), ein Sohn von Carl Heinevetter (1834 – 1912), genannt. (18)

Anfang des 20. Jahrhunderts ist vom 3.11.1913 auch die technische Zeichnung eines neuen liegenden Vorgeleges (Getriebe) für die Mühle übermittelt, dass der aktuelle Müller Wilhelm Heinevetter seinerzeit im Harz, in Bad Lauterberg, in der Gießerei Königshütte, offenbar fertigen ließ.

Zeichnung – liegendes Vorgelege für die Obermühle Wingeröde, Wilhelm Heinevetter (1913).
Quelle: FamilienArchiv Heinevetter, Wingerode

1919, unmittelbar nach Ende des 1. Weltkrieges, gehört Wilhelm Heinevetter zu den Teilnehmern einer Bürgerversammlung in Leinefelde, auf der die Errichtung einer Müller-Zwangsinnung für den damaligen Kreis Worbis beschlossen wurde. (19)

Aus dem Jahr 1935 ist, datiert vom 25. April, der Gesellenbrief von Christoph Heinevetter (1909-1994) überliefert. Christoph Heinevetter war ein Sohn von Wilhelm Heinevetter (1869-1941) und bereits Müller in der vierten Generation.

Müller-Gesellenbrief von Christoph Wilhelm Heinevetter(1909-1994) vom 22. April 1935 aus Heiligenstadt,
Hauptprüfer Karl Kellner – vermutl. Kapsmühle zu Heiligenstadt.

Quelle: FamilienArchiv Heinevetter, Wingerode

Die Eintragung des Wasserrechtes für die Obermühle im Wasserbuch erfolgte 1937, der Antrag wurde bereits 1924 gestellt. Dem Antrag ist auch zu entnehmen, dass das oberschlächtige Wasserrad bei einem Nutzgefälle von 3,70 m eine Leistung von ungefähr 6 PS hatte.
An technischen Ausrüstungen verfügte die Mühle über einen Mahlgang, Schrotgang, Putzerei. Täglich konnten ca. 300 Kilogramm Getreide gemahlen werden. (20)
Der Wert des beantragten Wasserrechts der Obermühle betrug seinerzeit 25.000 Reichsmark (1936). (21)

Für die Zeit 1939-1945 kam es nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, etwa um 1940, auch zur Stilllegung der Mühle. Für den eigenen Bedarf wurde jedoch weiterhin mit Elektroenergie geschrotet. Nach der Aufgabe der gewerblichen Müllerei konzentrierte sich der Müller und Landwirt Christoph Heinevetter (1909-1994) vollständig auf den landwirtschaftlichen Betrieb. (22)
Überliefert ist ein Bild von Resten des Mühlrades der Wingeröder Mühle aus dem Jahr 2004.
(vgl. hierzu: Josef Reinhold, Mühlen und Müller im Eichsfeld, von Leinefelde bis Bodenrode, Mecke Verlag, Duderstadt, 2007)

Reste des Wingeröder Obermühlen-Mühlrades (2004).
Quelle: FamilienArchiv Heinevetter, Wingerode

Die Verbindung zur Herrnschmiede Heinevetter in Heiligenstadtim einzelnen

Hier soll nun die Darstellung der Verbindung zur Herrnschmiede Heinevetter in Heiligenstadt detailierter erfolgen.
Wie schließt dies an die Geschichte von Martinus Johann Heinevetter (1687-1770) aus der Herrnschmiede – Schmied, Küster zu St. Aegidien, Schulmeister – Gründer einer Lehrerdynastie in/ab Reinholterode an? Oben wurde schon gesagt: diese Linie geht wesentlich weiter – nach Ferna, (Böseckendorf), Bischofferode und zur Wingeröder Obermühle.

Überraschender Anknüpfungspunkt war hier Johann Georg Heinevetter (1752-1834) in Reinholterode. Er war der Sohn des oben genannten Ludimagisters Martinus Johannes Heinevetter (1687-1770) aus der Herrnschmiede zu Heiligenstadt und seiner 3. Ehefrau Anna Elisabeth Weinrich, geb. vor 1730.

Johann Georg Heinevetter (1752-1834) heiratete vor/in 1784 Maria Theresia Reimann (1756-1819), geb. in Ferna. Das 1. Kind Maria Catharina wird am 16.07.1784 geboren. 1803 finden wir in der General-Tabelle über sämtliche Landschullehrer des Erbfürstentums Eichsfeld in Ferna Georg Heinevetter (1752 in Reinholterode-1834 in Ferna).

Der Sohn Johannes Joseph Heinevetter (1792 – 1857), geboren in Ferna, kam über Böseckendorf, wo er am 10.11.1819 Anna Regina Pfafferodt, geboren in Bischofferode, (1796-1870), heiratete via Bischofferode nach Wingerode. Er war zunächst Lehrer, setze also die Ludimagister-Linie seines Vaters Johann Georg Heinevetter (1752-1834), geboren in Reinholterode, in 3. Generation danach in Ferna fort.
Besagter Johannes Joseph Heinevetter kaufte dann vor 1828 die Wingeröder Obermühle. Auch seine Frau Regina (1796- 1870), die er 1819 geheiratet hatte, stammte nicht aus Wingerode. (16)

Da das Eichsfeld schon 1802 bzw. 1815 „endgültig“ vom Erzbistum Mainz zum Königreich Preußen kam (Reichsdeputationhauptschluss bzw. im Nachgang Wiener Kongress), ist davon auszugehen, dass das Lehrersalär insgesamt für die Familie nicht ausreichte und sich mit der Übernahme der Mühle in Wingerode eine weitere, sichere Einnahmequelle ab etwa 1828 bot.

1834 wird Johann Josef Heinevetter als Mühlenbesitzer und Landwirt in Wingerode (Obermühle) erwähnt. Anschließend war er auch noch Schulze von 1833-1837 und 1842 in Wingerode. Damit wurde wahrscheinlich gleichzeitig die Lehrertätigkeit aufgegeben. Johann Josef Heinevetter verstarb 1857 in Wingerode.

Erwähnt werden soll auch , dass ein Bruder von Johannes Joseph Heinevetter, Johann Ignatius Heinevetter, (1794-1863), in Ferna ebenfalls Schullehrer war, also die Lehrerfamilientradition hiermit fortführte. Noch um 1900 war das Lehrerhaus Heinevetter in Ferna Postkartenmotiv.

Postkarte aus Ferna mit Lehrerhaus Heinevetter – Anfang 20. Jahrhundert.
Quelle: W. Iseke, Leinefelde
Familie Heinevetter und Arbeiter einer Mühlenbaufirma vor dem Mühlrad. v.l. Christoph Wilhelm Heinevetter (um 1935), (1909-1994),
Sohn von Wilhelm Heinevetter (1869-1941).
Quelle: FamilienArchiv Heinevetter, Wingerode

Die Geschichte der Obermühle in Wingerode, bis in die 1940-er Jahre noch im Betrieb, ist im Mühlenbuch von Josef Reinhold, Mühlen und Müller im Eichsfeld, recht ausführlich beschrieben. Letze Müller waren Wilhelm Heinevetter (1869-1941), sein Sohn Christoph Wilhem Heinevetter (1909-1994), somit 4 Generationen Müller von etwa 1828 bis 1940/1941. Die 5. Generation mit W. Heinevetter, geb. wenige Jahre nach Ende des II. Weltkrieges, wandte sich sodann neuen Berufsaufgaben, z.B. im Ingenieurwesen, zu. Die 6. Generation, somit die 6-fachen Ur-Enkel des Martinus Johann Heinevetter (1687-1770) aus der Herrnschmiede zu Heiligenstadt, geb. zu Ende der DDR-Zeit in den 1980-ern, hatte nach der politischen Wende und Deutschen Einheit 1990 völlig neue Möglichkeiten der Wohnortwahl und beruflichen Betätigung.
Diese Zusammenhänge der Verknpfung der Familien aufzufinden, gelingt eigentlich nur mittels Genealogieprogrammen und dem entsprechenden Datenaustausch sowie der Fähigkeit dieser Programme, auch in großen Datenmengen die Zusammenhänge zu finden.

Wobei hier der Anknüpfungspunkt sich in Reinholterode befand, nämlich die Hochzeit am 26.04.1751 von Martinus Heinevetter, Ur-Enkel des bisher 1. nachweisbaren Herrnschmiedes Jakob Heinevetter (1580-1658). Martinus, dem Schmied, Küster, Ludimagister (aus der Herrnschmiede) und seiner (3.) Frau Anna Elisabeth, geborene Weinrich, sowie die Taufe des 1. Kindes Johann Georg am 21. Oktober 1752 in Reinholterode, und so von zwei Seiten her die Erkenntnisse zusammengeführt werden konnten.

Tafeln – von der Herrnschmiede Heiligenstadt zur Obermühle nach Wingerode
Quelle: FamilienArchiv Heinevetter, Heiligenstadt, Programm Ahnenblatt

Ein weiterer Zweig, ausgehend von Johann Ignatius Heinevetter (1794-1863), ebenfalls Schullehrer in Ferna, und seiner Frau Catharina, geb. Knauf, (1802-1860) ebenfalls verläuft von Ferna auch nach Bischofferode und heute Leinefelde. Ein kleiner Überblick zu den verwandten Familien W.+E. Heinevetter in Wingerode & R.+W. Iseke in Leinfelde soll hier versucht werden.

Heinevetter – Schmiede & Lehrer-/Müller-Linien (Ferna, Wingerode) I

Heinevetter – Schmiede & Lehrer-Linien (Ferna) II

Stammtafel Martin Johann Heinevetter (1687-1770)_5Gen

Die Ludimagister-Fam. Martin Johann Heinevetter (1687-1770) aus der Herrnschmiede

Zu beiden Linien besteht aktueller Kontakt, ein erstes Treffen fand am 20.10.2022 in Wingerode statt, ein sehr schönes und sehr angenehmes erstes Familientreffen.

Wir sind sehr froh und dankbar, diese Zusammenhänge zur Herrnschmiede, ausgehend 1687-1770 mit Martinus J. Heinevetter, und von dort über Johann Georg Heinevetter (1752-1834) zur Obermühle zu Wingerode, auch nach Bischofferode/Leinefelde und die heutigen Nachfahren, unmittelbaren Verwandten, gefunden und kennen gelernt zu haben und freuen uns auf neue spannende Begegnungen und einen schönen gemeinsamen Austausch.


Quellen (zu Josef Reinhold, Mühlen und Müller im Eichsfeld):

(1) ThStAGo, Reg. Erfurt Nr. 27769, Nr. 8 Zum Wasserrecht der Obermühle von Wingerode vgl.
Wasserbuch f.d. Etzelsbach, in ThStAGo, Reg. Erfurt Nr. 27800.

(16) Mitteilung von genealogischen Daten zur Müllerfamilie Heinevetter von Maria Sippel, geb. Heinevetter, Wingerode, mit Dank.

(17) Worbiser Kreisblatt, Nr. 48 v. 20.07.1884. Vgl. auch 800 Jahre Wingerode (1174-1974). Sonderausgabe 1974 der Eichsfelder Heimathefte,
Heiligenstadt (1974), S. 26.

(18) KreisAEic, Gemeinde Wingerode Nr. A/118.

(19) ThStAGo, Landratsamt Worbis Nr. 828, Bl. 9v.

(20) Ebenda, Reg. Erfurt Nr. 27938, Bl. 282v.

(21) Ebenda, Bl. 298v.

(22) Freundliche Auskunft von Maria Sippel geb. Heinevetter.


weitere Blogbeiträge zur Herrnschmiede Heinevetter in Heiligenstadt finden Sie hier:

… einen hl. Eid zu Gott und einem hl. Evangelio” – der Bürgereid von 1671

Soli deo Gloria” – Die Herrnschmiede und der große Stadtbrand des Jahres 1739

Die linden bey der herrenschmiedt” – ein unerwarteter Fund im Stadtarchiv

Die Herrnschmiede in Heiligenstadt & der Flugzeugabsturz 1939

Dr. Franz Heinevetter (1885 – 1949) – Direktor Oberschlesisches Museum Gleiwitz

Christiaan Heijnevetter van Dingelsdorp oder die Stecknadel im Heuhaufen finden… 1750