Im Oktober 2019 jährte sich zum 80. Mal ein folgenschwerer Unglücksfall, der sich genau vor den Toren der Herrnschmiede Heinevetter in der Heiligenstädter Lindenallee zutrug – der Absturz eines Militärflugzeugs.

(Foto-Quelle: Familienarchiv Heinevetter, Stadtarchiv Heiligenstadt – Fotosammlung Georg Klingebiel, Heiligenstadt)

Zeitzeuge dieses tragischen Unglücksfalls war Albert Heinevetter (1930-2016), der als 9-jähriger Junge das Ereignis direkt und unmittelbar miterleben musste.
Im Februar 2021 stellte sich überraschend heraus, dass auch die Cousine von Albert Heinevetter, Maria Rossi (Jahrgang 1929), die heute noch in der Heiligenstädter Lindenallee im ehemaligen Geschäftshaus ihres Vaters, des Tischlermeisters Heinrich Rossi (1892-1960), wohnt, eine mittelbare Zeugin des Flugzeugabsturzes war.

Maria befand sich mit ihrer Mutter Katharina, geborene Heinevetter (1895-1982), und ihrer Schwester Hildegard (1931-1950) zur Feldarbeit auf dem Ackerland am Heiligenstädter Richteberg (heute etwa Feuerwehr, Einkaufsmärkte, Einfamilienhäuser-Wohngebiet). Sie sahen auch die Kunststücke des Flugzeugs über der Heiligenstädter Altstadt und erschraken zutiefst, als dies Flugzeug plötzlich verschwand und offenbar abgestürzt sein musste. Alles stehen und liegen lassend liefen sie schnell in die Altstadt hinunter und sahen das Unglück und das verunfallte Militärflugzeug.

Im November 2020 meldete sich sehr überraschend, 81 Jahre nach dem Ereignis, Katrin Oldenburg, Göttingen, als Enkelin des Cousins Klaus Gries (Jg. 1928) des Piloten Philipp Gries. Auch in ihrer Familie wurde immer wieder über das Flugzeugunglück des Familienmitgliedes Philipp Gries gesprochen.
Nun war im Herbst des Jahres 2020 der Zeitpunkt gekommen, einer konkreten Familiengeschichte genauer nachzugehen. Denn ein Teil der Groß-Familie Gries, die Familien des Großvaters von Katrin Oldenburg, Klaus Gries (Jahrgang 1928) und auch die Familie seines Cousins, des Flugzeugpiloten Philipp Gries, verließen das Eichsfeld. Sie waren Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem Eichsfeld in den Vorharz (Ellrich – Gipsindustrie) und später ins heutige Sachsen-Anhalt weitergezogen – der Arbeit & der Liebe wegen.

ehemaliges Wohnhaus der Fam. Gries, Fuchswinkel 3, Heiligenstadt (2021),
 (Haus Bildmitte mit Toreinfahrt)
Quelle: Familienarchiv Heinevetter

Die daraufhin beginnenden intensiven Recherchen mit dankenswerter Unterstützung des Heiligenstädter Stadtarchivs sowie auf verschiedenen Ebenen auch in digitalen Archiven, im eigenen Familien-Archiv, haben zum Teil sehr interessante oder auch überraschende Ergebnisse gebracht. So wurden einige neue Aufschlüsse zur Person des verunglückten Piloten Philipp Gries selbst gefunden.

Dies sind zum einen der Geburtseintrag (25.05.1915) des später verunglückten Piloten mit den Eltern Philipp Gries und Ida Maria Gries, geborene Schuchardt, beide katholisch, in Herdecke.

Philipp Gries – Geburtsurkunde 54/1915 vom 31.05.1915 Herdecke,
(25.05.1915-10.10.1939). Quelle: Stadtarchiv Heiligenstadt, Standesamt Herdecke/Ruhr.

Im Heiligenstädter Stadtrachiv konnte die Grabkarte – Beisetzung am 13.10.1939 – des verunglückten Piloten Philipp Gries aufgefunden werden.

Grabkarte des verunglückten Piloten Philipp Gries (Auszug – Vorderseite)
Quelle: Stadtarchiv Heiligenstadt, Grabkarten.

Auf Basis der im Heiligenstädter Stadtarchiv aufgefundenen Grabkarte des verunglückten Piloten Philipp Gries wurden nun weitere Recherchen im Bundesarchiv betreffend der Verlustlisten von Soldaten des Zweiten Weltkrieges angeregt. Diese Verlustlisten 1939-1945, für derzeit etwa 8,5 Millionen Militärangehörige, wurden via Ancestry verfilmt und dort fand sich nach der exakten Recherche tatsächlich, überraschend auch die gesuchte Verlustlisten-Karte von Philipp Gries:

Philipp Gries – Militärverlustkarte (Auszug)
Quelle: Bundesarchiv – Verlustlisten 2. Weltkrieg 1939-1945.
Identifikationsnummer G-A 271/0102, Bild 299, 300 via Ancestry

Aus der Verlustlistenkarte erfahren wir nun zusätzlich auch noch sehr genau den Dienstort von

Philipp Gries – Dienstgrad Gefreiter, Fliegerhorst-Kompanie Münster-Loddenheide.

Dies ist insoweit sehr wertvoll, erlaubt es doch eine Einordnung des Piloten in die auch in den Angriff auf Polen im September 1939 eingesetzte Diensteinheit und gegebenenfalls auch auf die eingesetzten Flugzeugtypen.

Weitere Recherchen gingen nun in Richtung des Flugplatzes Münster-Loddenheide.

Stadtplan Münster – mit Lodenheide (2021)
Quelle: Auszug aus https://geo.stadt-muenster.de/map/?mb_myPOI=Loddenheide,3406589,5756588&mb_myPOI2SCALE=3406589,5756588,8000, Zugriff 03.02.2021

Dieser hatte eine bewegte Vergangenheit mit ständigem Wechsel von ziviler und militärischer Nutzung im Südosten der Stadt durchlebt – 1815 als Exerzierplatz, 1835 eine Pferderennbahn angelegt. Vor dem Ersten Weltkrieg lokalisiert man hier die Schießstände des in Münster stationierten Militärs. Zusätzlich befand sich seit 1909 auf dem großen Gelände ein Startplatz für Freiballons und Flugzeuge. Nach dem ersten Weltkrieg entstand aus dem Ballonstartplatz der erste münstersche Flugplatz. Ein Flughafengebäude wurde errichtet und ein Rollfeld angelegt, auf dem auch kleinere Linienflugzeuge starten und landen konnten. 1930 landete ein Zeppelin auf dem Fluggelände, 1929 bereits erhielt Münster Anschluss an die Luftpostlinie.[1]

Eine grundlegende Veränderung gab es im Jahr 1933. Die Reichswehr beanspruchte die Loddenheide erneut. Am 27. April 1934 begannen die Bauarbeiten für einen Fliegerhorst, auf dem von 1938 bis 1939 das Aufklärungsgeschwader 12 stationiert war. Die Ausrüstung bestand aus Henschel HS 126 [1] – Aufklärern und im September 1939 nahm diese Einheit am Angriff auf Polen teil.

Der Militärflugplatz bestand bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. In der Nachkriegszeit, nachdem britisches Militär die Loddenheide belegt und Kasernen und Lagerhallen gebaut hatte, verschwand der Flugplatz völlig, bis auf die sog. Friedenskappelle. In den Jahren 1992-1994 nach dem Ende des kalten Krieges, gaben die Briten den Standort Loddenheide auf. Auf dem Gelände entstand ein modernes Industriegebiet. [2]

Im Krieg war im September/Oktober 1939 der Einsatzeinheit den o.g. Unterlagen nach der Flugzeugtyp Henschel HS 126 (Aufklärungsflugzeug, siehe Abb. 16 ) [3] [4] zugeordnet. Diese Maschine hat aber ein anders geformtes Heckteil (Höhen- und Seitenruder), als auf den Fotos der abgestürzten Maschine erkennbar ist. Nach einigen Recherchen konnte eine als Schul- und Kunstflugmaschine benutzte Focke-Wulff FW 44 „Stieglitz“ [vgl. 3] als naheliegend ermittelt werden.

Aus den Augenzeugenberichten von Albert Heinevetter wissen wir, dass das verunfallte Flugzeug am 10. Oktober 1939 von einer Fliegereinheit in Eschwege, die demnach mutmaßlich dem Fliegerhorst Münster angegliedert war, geborgen wurde. Es sei noch bemerkt, dass in den damaligen Zeitungen des Jahres 1939 nichts über diesen schrecklichen Unfall berichtet werden durfte. Dass überhaupt Fotoaufnahmen gemacht wurden und diese auch die Zeiten noch überdauerten, ist sehr erstaunlich.

Die Beisetzung des verunglückten Piloten Philipp Gries ist wie folgt auf der Grabkarte vermerkt: “Er wurde am 13. Oktober 1939 um 15:00 Uhr beerdigt.”
Bisher nicht mehr geklärt werden kann, ob es sich tatsächlich um einen „Abstecher“ beim Rückflug aus Polen gehandelt hat oder um eine sogenannte „unerlaubte Entfernung von der Truppe“.

Auf dem Heiligenstädter Alten Friedhof existiert eine Kriegsgräberstätte für die Kriegstoten Soldaten des Zweiten Weltkriegs. Kriegsgräber haben hierbei eine sogenannte Ewigkeitsgarantie, d.h. sie sind dauerhaft zu erhalten und zu pflegen. Am 14. Dezember 2020 erfolgte die konkrete Suche auf dem betreffenden Grabfeld auf dem Alten Friedhof in Heiligenstadt und tatsächlich – das Grabdenkmal des 1939 verunglückten Piloten Philipp Gries konnte gefunden werden.

Verortung des Grabdenkmals (links vorn unten), Kriegsgräberanlage.
               Alter Friedhof, Heiligenstadt, Blickrichtung Südosten (Volksbank/Kreuzung).
              Quelle: Familienarchiv Heinevetter, Heiligenstadt.

Über 50 Jahre, ein halbes Jahrhundert von 1939-1990, konnte dieser schreckliche, einmalige Unglücksfall in der Familien-Erinnerung der Familien Heinevetter & Gries nur mündlich und “hinter vorgehaltener Hand” bewahrt werden, eine öffentliche Diskussion hierzu war absolut tabu.

Umso interessanter ist auch die Spurensuche der Familie Gries im Eichsfeld, die von Katrin Oldenburg zur Suchgeschichte beigetragen wurde – auch diese finden Sie ebenfalls im vollständigen Aufsatz-Text.

Gern können Sie weitere Details der spannenden & detektivischen Suche weiter nachlesen & vertiefen – hier geht es zum Beitrag auf herrnschmiede-heinevetter.de

[1] Vgl. www.akg-images.de/archive/Henschel-Hs-126-Reconnaissance-Aircraft-2UMEBMBK9ZLI5.html, Zugriff am 18.12.2020.
[2] Fischer, Detlef: Münster von A bis Z, Münster 2000.
vgl. https://www.stadt-muenster.de/ms/strassennamen/loddenheide.html, Zugriff am 19.12.2020.
[3] freundlicherweise von Gerhard Heinevetter, Heide/Holstein, neu recherchiert im Dezember 2020.
[4] Vgl. https://www.fliegerrevuex.aero/hs-126-henschels-vielseitiger-hochdecker/, Zugriff am 19.12.2020.

Gerhard  Heinevetter, Heide/Holstein; Matthias Heinevetter, Heiligenstadt

1939 – Die Herrnschmiede & der Flugzeugabsturz

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