Unter den vielen Herrnschmiedefamilien im Laufe der Jahrhunderte in oder aus der Herrnschmiede zu Heiligenstadt, ragt die Familie Martinus Johannes Heinevetter an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert heraus.

War doch dies Familienmitglied aus der Herrnschmiede zu Heiligenstadt Schmied, Küster und Ludimagister und erreichte in seinem langen Leben mit 83 Jahren eine für seine Zeit im Mainzer Kurfürstentum Eichsfeld stattliche Lebenszeit.

Doch der Reihe nach – Martinus Johannes Heinevetter wurde am 29. Juni 1687 in Heiligenstadt in der Herrnschmiede Heinevetter in der Lindenallee geboren. Der Taufeintrag mit dem Paten Martinus Lotze findet sich im Kirchenbuch der katholischen Pfarrgemeinde St. Marien zu Heiligenstadt.

Kirchenbuch St. Marien zu Heiligenstadt, Taufeintrag Joannes Martinus Heinevetter, 29. Juni 1687 – Kopie
Kirchenbuch St. Marien zu Heiligenstadt, Abschrift und Forschung Dr. Dr. Schmalz, Koblenz 2000/2004 – Auszug

Die Familie von Martinus, Lebensort ist Heiligenstadt (sofern nicht anders angegeben):

geborengestorbenHeiratPartner/Partnerin
Margaretha Maria Catharinaum 167822.04.175012.11.1708Johannes Meyer
     
Anton Christoph09.09.1679   
     
Henricus (Herrnschmied)10.01.168319.04.176327.01.1716Anna Conradi
     
Johannes Laurentius07.03.1685 05.10.1716Maria Beim
     
Martinus Johannes28.06.168715.01.17703 Ehenoo I. Heiligenstadt 08.02.1709 Anna Pfeiffer nata Beim
  Reinholterode oo II. Heiligenstadt (?) Anna-Catharina …
    oo III. Reinholterode 26.04.1751 Anna-Elisabeth Heinevetter
     
Urbanus Johannes17.04.1690 12.11.1714Anna Lotze
     
Henrico Adamus12.03.170012.12.17533 Ehen ab 1725 
     
Maria Katharina  12.11.1709Joes Caspar Meyer
     
Anna Margarethaum 169704.11.173717.05.1734Lorenz Hardtmann

Martinus Johannes Heinevetter heiratete insgesamt dreimal:

oo I. Heiligenstadt 08.02.1709 Anna Pfeiffer nata (= geborene) Beim

oo II. Heiligenstadt Anna-Catharina Heinevetter, geb. … (?)

oo III. Reinholterode 26.04.1751 Anna-Elisabeth Heinevetter

In der Zeit vor seiner ersten Ehe muss er gemeinsam mit seinen Geschwistern Henricus Heinevetter, dem Herrnschmied, Antonius Heinevetter und Urbanus Heinevetter in der Schmiede in der Heiligenstädter Lindenallee gelebt haben.

Herrnschmiedefamile Heinevetter, Heiligenstadt, Lindenallee, 1906 – 2001

Anfang des 18. Jahrhunderts, nach 1709/1710, muss er dann die Aufgabe des Küsters in der Kirche St. Aegidien zu Heiligenstadt übernommen haben.

Heiligenstadt, St. Aegidienkirche, heutiges Aussehen (Innen / Altar)
I, Michael Sander, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Am 8.2.1709 wird Johannes Martinus Heinevetter als Pate von Johannes Martinus, Filius Johannis Henrici Heiland et Anna Katharina, im Kirchenbuch von St. Marien zu Heiligenstadt erwähnt. Bei der Hochzeit am 8.2.1709 in Heiligenstadt St. Marien (BMV) wird Johannes Martinus Heinevetter als Adoleszenz (Jungmann), Studiosus, bezeichnet, der Anna Margaretha Pfeifferin nata Beim, vidua (Witwe) heiratete. Die Zeugen waren Martin Lotze (Taufpate !) und Theodor Herold.

Kirchenbuch St. Marien zu Heiligenstadt, Abschrift und Forschung Dr. Dr. Schmalz, Koblenz 2000/2004 – Auszug

Bei der Taufe von Joann Martin Heinevetter, Sohn von Elisabeth & Urban Heinevetter (Bruder v. Martinus aus der Herrenschmiede), am 21.05.1726 wird im Kirchenbuch St. Aegidien zu Heiligenstadt erwähnt:

Pate. D. (= Dominus, lat. = Herr) Martin Heinevetter  p.t.  ALTARISTA (= katholischer Küster von lat. custos = Wächter).

In der Zeit um den großen Stadtbrand des Jahres 1739 muss er auch Besitzer eines Brauhauses beim Holzbrückentor (heute Leinebrücke Richtung Göttingen bzw. Witzenhausen) gewesen sein. Dies belegt der Zinsschein von 1739 hinterlegt beim Bischöflichen Kommissariat des Eichsfeldes zu Heiligenstadt, in dessen umfangreichen Archiv sich das Zinsbuch heute noch befindet.

Zinsbuch/Kirchenerchnungen Bischöfliches Kommissariat zu Heiligenstadt, Auszug 1739 – entdeckt von Marcellinus Prien, Berlin, 1997/10
Martin heine vetter Ein hauß zwischen haus michall hussen unt Ignatius günder beim holtz brücken tohre – jährlich 1 Gulden 8 Groschen”

Des weiteren im Jahre 1749 als Grundstücksnachbar in Heiligenstadt von Johann Heinrich Meyer (vergleiche Stadtarchiv Heiligenstadt, Lagerbuch Heiligenstadt 1749, Seite 367). 1759 wird dann ein anderer Küster, Philipp Stoltz, in Sankt Aegidien in den Annalen der Jesuiten erwähnt, das heißt, Martin muss zwischenzeitlich diese Aufgabe verlassen haben.

Annalen des Jesuitenkollegs zu Heiligenstadt, 185. Jahr, 1759 (Auszug)

Schließlich hatte er nachweislich am 26.04.1751 bereits in Reinholterode nach dem Tod seiner zweiten Frau Anna-Catharina (wann?) die Anna-Elisabeth geheiratet.

Die Ludimagisterfamilie Heinevetter in Reinholterode 1)

Wir finden Martinus wieder mit seiner dritten Ehe im schon hohen Alter von 63 Jahren im Jahre 1750/1751 im von Heiligenstadt etwa 7 Kilometer nördlich Richtung Duderstadt/Göttingen entfernten Nachbarort Reinholterode – als Ludimagister (= Schullehrer).

Schulmuseum (hier: Leipzig) Klassenzimmer um 1890/1900.jpg
Geisler Martin, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Somit ergab sich ein neuer Suchansatz. Es waren ja aus seinen 3 Ehen  5 Kinder hervorgegangen. Bei unserer weiteren Suche fanden wir aber nur zwei weiterlaufende Linien, diese über den Sohn Franz Johann Joachim *1734 ebenfalls Lehrer (Ludimagister), welcher wiederum zwei mal verheiratet war, da seine 1. Frau kurz nach der Geburt des Sohnes verstarb. Diese Linie ist für uns bisher noch nicht weiter zu verfolgen.

In der 2. Ehe  wurden dann aber noch einmal 7 Kinder geboren. Auch hier haben wir bisher erst eine verfolgbare Linie gefunden, die aber bis heute wieder nach Heiligenstadt führt. Die Tochter Maria Elisabeth Heinevetter hat Gregor Fulle aus Reinholterode geheiratet und wir können eine durchgehende Linie bis heute ins 21. Jahrhundert generieren.

Ehen von Johann Martin Heinevetter (1687-1770)

Ein Grund für des öfteren auftretende aufeinander folgende Ehen in dieser Zeit ist sicher darin zu sehen, dass die Kinder- und Müttersterblichkeit bis ins 20. Jahrhundert sehr hoch war. Daraus ergibt sich weiter, das weiterführende Linien oft nur sehr begrenzt vorhanden sind. Dies erschwert die Forschung bis in unsere Zeit. Zudem sind in kleineren Orten nur sehr wenige faktische Erinnerungen an die Dorfschulen vor 150 Jahren bis in die Gegenwart erhalten.

Tafel zu Vorfahren & Nachfahren von Martinus Johannes Heinevetter (1687-1770)

Der Franzosenfeldzug nach Rußland – Napoleon I. 1812 – Johannes Heinevetter

Eine bemerkenswerte Tatsache bzw. auch ein Kuriosum zugleich auch eine Blick in eine sehr schwere Zeit ist die napoleonische Besetzung Deutschlands und Preußens zwischen 1806 und 1813.

Kurz gefasst wurde das Eichsfeld auch nach der Niederlage Preußens bei Jena und Auerstedt 1806 vom französischen Kaiser Napoleon mit seinen Truppen besetzt. Die Stadt Heiligenstadt kam als Hauptstadt zum Königreich Westfalen, unter dem Kaiserbruder, Jerome, der in Kassel residierte, und Heiligenstadt wurde Hauptstadt des Harzdepartements. Positiv waren die Einführungen des Code civil, extrem negativ die kriegerischen Unternehmungen und die Abpressung von Soldaten aus den besetzten Gebieten.
Bei seinen weiteren aggressiven, unheimlichen Expansionsunternehmungen Richtung Russland, 1812, mussten somit auch einige Eichsfelder Söhne für den fremden Kaiser in den Krieg ziehen.

Die Umstände sprechen Bände und sollten allen Protagonisten heutiger kriegerischer Ereignisse eine gründliche Lehre sein, auf Verträge und Frieden zu setzen, und keinesfalls auf den Krieg.

Schon der Marsch nach Russland von Deutschland aus war ein halsbrecherisches und abenteuerliches Unternehmen. Bereits ohne Feindberührung (!) durch Hitze, Kälte, Hunger, Durst, Krankheit, Erschöpfung war ein großer Teil der 30.000 Mann (Westfalen), die in den Krieg zogen, verloren.
Nach der Niederlage bei Bordino und dem Einzug in ein verlorenes, da brennendes, Moskau und dem völlig verspäteten Rückzug (russischer Winter) kam nur noch ein versprengtes, elendes “Häuflein” in Bataillons-Stärke von vielleicht wenigen 100 in Wilna (Vilnius – Litauen) (damaliges Deutsch Baltikum) an.

Es grenzt an ein großes Wunder, dass einzelne Eichsfeldische Soldaten diese Strapazen überhaupt überlebten.

Dazu zählt auch Johannes Heinevetter, aus Reinholterode, der in der Aufstellung der Kriegsbeteiligten Eichsfelder 1812 aus dem nun auch schon historischen Jahr 1919 in der Zeitschrift “Unser Eichsfeld” mit erwähnt wird.

Das Eichsfeld in der Franzosenzeit – UE 1919, Auszug (Thulb Jena)
https://zs.thulb.uni-jena.de/receive/jportal_jparticle_00281124, Zugriff am 30.11.2021

Es ergibt sich nun die Frage, wer war dieser Johannes Heinevetter aus Reinholterode, der 1812 gezwungenermaßen am napoleonischen Russlandfeldzug teilnehmen musste?
Wie der historischen Literatur (z.B. in Unser Eichsfeld 1919, Das Eichsfeld in der Franzosenzeit) zu entnehmen ist, wurden zu diesem Feldzug, in den besetzten Gebieten, junge Männer im Alter zwischen 20 und 26 Jahren bevorzugt “ausgehoben”, d.h. zum Zwangsmilitärdienst gepresst. Daraus lässt sich auf ein mutmaßliches Geburtsdatum zwischen 1792 und ungefähr 1786 schließen.

Schaut man sich die im Kirchenbuch von Reinholterode (bzw. OFB Reinholterode / MOFB Günterode) auffindbaren Heinevetter-Namensträger an, so sind dies, wie oben, Nachfahren von Martin Johann Heinevetter, seine Enkelkinder.

Hier kommt als Vater Franz Johann Joachim Heinevetter in Betracht, der Sohn von Martin Johann Heinevetter und Anna Katharina, der am 03.04.1734 in Heiligenstadt geboren wurde.
Dieser Franz Johann Joachim heiratete am 30.06.1773 in Reinholterode Anna Maria, geborene Buse. Zudem wird gerade dieser Franz Johann Joachim als Ludimagister (Schulmeister) explizit erwähnt, trat also hier in die Fußstapfen seines Vaters Martin Johann, der auch noch in Reinholterode als Ludimagister gewirkt haben muss.

Der Sohn wiederum Johann Joseph Heinevetter (1774 – 1846) von Franz Johann Joachim Heinevetter und Anna Maria, geborene Buse, wird in den Kirchenbüchern als Lehrer und Ökonom vermerkt, setze also auch die Lehrerfamilientradition in der dritten Generation bis ins 19. Jahrhundert fort. Er lebte vom 16.04.1774 bis zum 05.03.1846 in Reinholterode.

Schulklasse vor 1900 – FamArchiv

Zwei Brüder aus dieser elterlichen Ehe, Johann Caspar Heinevetter, geboren am 25. November 1786 in Reinholterode und Johann Heinrich Heinevetter, geboren am 26.10.1783, verstorben am 20.05.1866 in Steinbach, kommen somit als Personen, die mit Johannes Heinevetter gemeint sind, infrage.

Stammtafel aus Ahnenblatt zu Martin Johann Heinevetter (1687-1770) – Auszug

Es wird weiterer Forschungen bedürfen, um gegebenenfalls noch zu ermitteln, wer von diesen beiden tatsächlich gemeint war.
In jedem Falle steht jedoch fest, dass auch ein Nachfahre aus der Herrnschmiede Heinevetter, also ein 3-fach Urenkel des Stammvaters Herrnschmied Jakob Heinevetter (1585-1658), – unfreiwillig und gezwungenermaßen – am Russlandfeldzug des Kaisers Napoleon teilgenommen hat.

1) Quelle – Georg Riethmüller, Heiligenstadt

weitere Blogbeiträge zur Herrnschmiede Heinevetter in Heiligenstadt finden Sie hier:

Aus der Geschichte der Herrnschmiede-Familie Heinevetter zu Heiligenstadt (Eichsfeld)

… einen hl. Eid zu Gott und einem hl. Evangelio” – der Bürgereid von 1670

Soli deo Gloria” – Die Herrnschmiede und der große Stadtbrand des Jahres 1739

Die linden bey der herrenschmiedt” – ein unerwarteter Fund im Stadtarchiv

Die Herrnschmiede in Heiligenstadt & der Flugzeugabsturz 1939

Dr. Franz Heinevetter (1885 – 1949) – Direktor Oberschlesisches Museum Gleiwitz

Christiaan Heijnevetter van Dingelsdorp oder die Stecknadel im Heuhaufen finden… 1750

1687-1770 – Martinus Johannes Heinevetter – die Ludimagisterfamilie aus der Herrnschmiede
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