Palmarum – Leidensprozession in Heilbad Heiligenstadt 2010-03-26 / 2020-03-30 akt.

1555 – 1582 – Episkopat Mainzer Erzbischof Daniel Brendel v. Homburg

1574 – 1. Nachreformatorische Visitationsreise d. Erzbischofs in der Mainzer Exklave Eichsfeld

1575 – Erzbischof sendet Jesuiten nach Heiligenstadt, später Jesuitenkolleg errichtet

1581 –   mögl. Ursprung (Jesuiten) (Leidensgeräte des Herrn werden angefertigt) – alle Sinne sollen angesprochen werden (Annalen SJ)

1638 –  frühester Beleg der Palmsonntagsprozession während des Dreißigjährigen Krieges (1618 – 1648) (Annalen SJ)

1655 – Gründung Todesangstbruderschaft (Bruderschaftsandacht stets Palms. 13.00 Uhr St. Marien)

1704 –   Leidensprozession – Prozession am Karfreitag – Hlg. Leidensgeheimnisse werden dar­gestellt (Annalen SJ) (H. Schüttel, 2003, S. 9)

1705 – Leidensprozession so gut ausgestattet, wie seit 50 Jahren nicht mehr (Annalen SJ)

deutet auf Existenz mind. bereits Mitte des 17. Jhd. hin

1734 –   Leidensprozession wird auf Palmsonntag verlegt -> (größere Teilnahme ermöglichen, stillen Charakter des Karfreitags bewahren) (Annalen SJ)

1759 – Palmsonntagsprozession muss wegen kriegerischer Ereignisse (7-jähriger Krieg) ausfallen (Annalen SJ)

1761 – Leidensprozession – Ehrfürchtigkeit wird betont (Annalen SJ)

1773 – „Regulierung der Procession auf den Palmsonntag“ (Akten des Bischöfl. Kommissariats HIG) 5 Bilder (noch ohne Schmerzhafte Mutter)

1861 – Leidensprozession in Theodor Storms Novelle (Veronica) – Wilhelmstraße – sehr eindringlich 5 Bilder

1881 – Bildnis Abendmahl erhält neuen Figurenkopf

1870 –   Leidensprozession – Prozessionsweg v. der Lindenallee, Ehrenwache Schützengilde („Eichsfelder Volksblätter“)

1899 – Leidensprozession muss wegen extremen Schneesturmes und Schneefalls ausfallen, Bildnis Schmerzhafte Mutter wird im März 1899 neu angeschafft u. konsekriert – kommt jedoch nicht zum Einsatz

1938 – Leidensprozession muss wg. Reichstagswahlen auf den Karfreitag (15.04.) verlegt werden (sonst 10.04.)

1939 –  Leidensprozession – Abschlussandacht nicht direkt in oberer Lindenallee wg. aufgetürmter Steine (Kopfsteinpflaster) zur Reparatur der Straße – Andacht wie Gegenwart etwa vor Haus Nr. 37

1943 – Leidensprozession erregt Aufsehen wg. Teilnahme glaubenstreuer Jungmänner (Mitgl./Führer d. HJ) als Grabesritter am Hlg. Grab – vom NS-Regime anschließend gemaßregelt, zwangsversetzt; verhaftet

1943 – Westhäuser Männer übernehmen wg. Männermangels (Krieg) auf Bitten von Pfr. Propst (später ab Juli 1945 Bischof zu Fulda) Adolph Bolte (1903 – 1974) den Dienst des Kreuztragens (bis in die Gegenwart von Westhäuser Männern so beibehalten)

1943 – komplette Renovierung der Bildnisfiguren in Niederorschel (werden v. damaliger Jugend per Körben und Bahn dorthin gebracht und wieder abgeholt) (Quelle: A. Heinevetter)

1944 – Leidensprozession darf durch polizeiliche Anordnung (Tieffliegergefahr, Luftkrieg) nur auf dem Altstädter Kirchplatz stattfinden – Leidensbildnisse werden im Kirchgarten aufgestellt, Hlg. Grab in der Kirche

1945 – Leidensprozession (25. März) in Folge der schlimmen Kriegslage nicht möglich – nur Kreuzesfeier gegen Mittag in der Marienkirche unter ständiger Tieffliegergefahr möglich – am 09.04.1945 wird Heiligenstadt bereits durch Amerikanische Truppen besetzt – Kriegsende

1946 – Leidensprozession wird durch großes diplomatisches Geschick des Pfr. v. St. Marien, Propst Josef Streb (1893 – 1976), von der ab Juli 1945 eingerückten sowjetischen Besatzungsmacht genehmigt und bleibt damit auch nach dem Krieg erhalten

1946 – 1950 – Leidensprozession kann nicht direkt in der oberen Lindenallee Aufstellung nehmen, da Lindenallee gegenüber der Schule (L.-Kellner-Schule) – damals sowj. Kommandatur – eingezäunt war – incl. Wachposten am Eingang der Lindenallee gegenüber der Propstei bzw. Herrenschmiede Heinevetter

1970 – Leidensprozession – extremer Winter (völliger Vereisung des Heimensteines – Gefahr f. die Träger)- Eis muss weggehackt werden – vor der Prozession

1970/1972 – Abschlussandacht in der oberen Lindenallee gegenüber Propstei bzw. Herrenschmiede Heinevetter, da vor dem Haus Lindenallee Nr. 37 noch ein großes Energie-Kabel-Häuschen steht (Strom – Oberleitungen!), Kreuz steht vor der Litfass-Säule in der Lindenallee, davor der Altar (Blickrichtung L.-Kellner-Denkmal)

1973 – Leidensprozession im Jahr der 1000-Jahr-Feier Heiligenstadt mit Kardinal Bengsch, Vors. der Berliner Bischofskonferenz, (extrem schlechtes Wetter, Dauerregen) – ab jetzt mit Abschlussandacht u. Altar vor dem ehem. Diegmannschen Haus (später Praxis Dr. Harke, heute Siedlungswerk) Nr. 37

1976 – Leidensprozession – nach mehrjähriger Unterbrechung (Druck DDR-Staat in den Schulen) wird die Tradition der Fackelträger am Hlg. Grab durch Abiturienten des Abiturjahrganges 1976 wieder neu belebt – dies erzeugt Missbilligung in der Schule

1988 – Leidensprozession findet unter extremer staatl. Beobachtung statt – Befürchtung von Demonstrationen in Folge des gewaltsamen Eingreifens der kommunistischen Staatsmacht am 15. Januar 1988 in Berlin gegen Demonstranten. Pfr. v. St. Marien und Propst P.-J. Kockelmann (Jg. 1930) – wird einbestellt v. den staatl. Behörden und erreicht Durchführung der Prozession; Stadt gleicht Heerlager – massives Polizei- und Staatssicherheitsaufgebot

1990 – Leidensprozession – erstmalig nach Ende des DDR-Staates mit sehr großer Beteiligung; Dank für friedliche Revolution 1989

2000 – Leidensprozession im Bischof Burchard v. Worms – Jahr – mit Bischof Dr. Joachim Wanke (Erfurt) und dem evangelischen Bischof v. Magdeburg, Dr. Axel Noack sowie dem päpstlichen Nuntius f. Deutschland, Erzbischof Lajolo, sowie den katholischen und evangelischen Pfarrern der Stadt und des Eichsfeldes, Prozession endet in Ausnahme auf dem Friedensplatz v. der Martinskirche; evang. Bischof Dr. Noack hält Predigt – ein großer Tag der Ökumene

2005 – Leidensprozession steht im Zeichen des Gebets f. den schwerkranken Papst Joh.-Paul II., der am 05.04. (Abend v. Weißen Sonntag) verstirbt;
am 19.04. wird Kardinal Josef Ratzinger zum Papst gewählt und beginnt sein Pontifikat als Benedikt der XVI., er tritt zurück am 29.02.2013.

2010 – Palmsonntag – wenige Tage zuvor (23.03. + 26.03.) begehen Altpropst, Prälat P.-J. Kockelmann (Pfr. in St. Marien v. 1967 – 1995) seinen 80. Geburtstag sowie Bischöfl. Kommissarius, Propst H.-J. Durstewitz, (Pfr. in St. Marien seit 1995) seinen 65. Geburtstag, beiden haben großen Anteil an der Erhaltung und Fortführung der Prozession vor und nach 1990

2020 – Palmsonntag – (05.04.) am (23.03. + 26.03.) begehen Altpropst, Prälat P.-J. Kockelmann (Pfr. in St. Marien v. 1967 – 1995) seinen 90. Geburtstag sowie Bischöfl. Kommissarius, Propst H.-J. Durstewitz, (Pfr. in St. Marien seit 1995) seinen 75. Geburtstag, beiden haben großen Anteil an der Erhaltung und Fortführung der Prozession vor und nach 1990

Die Prozession selbst muss jedoch zum fünften Mal seit 1704 (zuerst 1759) nun zum vierten Mal innerhalb der letzten 120 Jahren nach 1899, 1944, 1945 aus außergewöhnlichen Gründen und nach 75 Jahren ununterbrochener Durchführung, wegen einer weltweiten Virus-Pandemie, auf behördliche Anordnung des Freistaates Thüringen und des Landkreises Eichsfeld vom 19. März 2020 zum Schutz der Gesundheit von Teilnehmern und Bevölkerung – zum großen Bedauern aller – ausfallen.

Auch der Gottesdienstbesuch ist unmöglich, da Ansammlungen von mehr als zwei Personen untersagt sind. So werden über digitale Medien die Gottesdienste Sonntag 10:30 Uhr per Video-Livestream aus der St. Aegidienkirche übertragen.

Papst Franziskus erteilt in Rom vor leerem Petersplatz einen Sondersegen Urbi et orbi am 27.03.2020.

Am Palmsonntag, 05.04.2020, hält der Erfurter Weihbischof, Dr. Hauke, den Sonntagsgottesdienst um 10:30 Uhr in St. Aegidien und zur sonstigen Zeit der Prozession um 14.00 Uhr, auch beide via Video-Livestream übertragen, eine Andacht – es sind sehr außergewöhnliche und höchst ungewöhnliche Zeiten.

Möge Gott, der Herr, uns alle segnen in dieser schwierigen Zeit.