Herrenschmied Martin Heinevetter am Unglücksort 10.10.1939 –
Foto aus Sammlung G. Klingebiel, HIG
Zerstörungen – Flugzeug, Sämaschine, Schmiede (Nr. 27) –
Foto aus Sammlung G. Klingebiel, HIG

Aus den Erinnerungen von Albert Heinevetter (1930 – 2016)

Der Flugzeugabsturz im Jahre 1939

Es war ein trüber, wolkenverhangener Oktobertag, als in der Mittagszeit zwei Flugzeuge über Heiligenstadt ihre Kreise zogen und reine Kunststücke vollbrachten, es war der 10. Oktober 1939. Sechs Wochen zuvor hatte der Krieg begonnen. Albert und sein Bruder Gerhard standen am Küchenfenster ihres Wohnhauses Lindenallee Nr. 29 mit Blickrichtung Fuchswinkel und schauten den Fliegern zu.

Doch plötzlich befand sich das eine Flugzeug bei seiner ‘Ehrenrunde’ – aus nördlicher Richtung kommend – nur noch wenige Meter über den Dächern des Fuchswinkels und

drehte über der oberen Lindenallee nach rechts. Bei dieser geringen Höhe streifte es die etwa ein Dutzend Telefondrähte, die in etwa 30 Metern Entfernung zwischen den Hausdächern der Propstei und des Hauses Nr. 37 (heute kirchliches Bauamt und

Pax-Bank) über die Straße gespannt waren. In Sekundenschnelle stürzte das Flugzeug ab und zerschellte.

Dabei gab es einen Kurzschluss vor dem Wohnzimmerfenster in Nr. 29 sowie klirrende und polternde Geräusche. Die beiden Brüder konnten durch die Glastür zum Wohnzimmer einen Blitz sehen. Das Flugzeug hatte auch die Gleichstrom-Freileitung, die an den Fassaden installiert war, zerrissen. Alberts Bruder Gerhard, der ein Feuer befürchtete, lief sofort auf den Dachboden und Albert zum Wohnzimmer, um zur Lindenallee zu schauen.

Aber Albert blieb an der Tür stehen, weil ein Fenster kaputt war und er Glasscherben auf Fußboden und Tisch sah. Das Flugzeug hatte die Stromdrähte abgerissen und mit der rechten Tragfläche an dem Wohnhaus Ziegel und Dachrinne beschädigt sowie große und fensterbreite eiserne Blumenkästen nebst Halterungen vor zwei Fenstern mitgenommen und Fensterglas zerbrochen, bevor es mit voller Wucht gegen das Schmiedehaus schlug, Hauswand, Hauseingang, Schmiedetor und weitere Hausflächen zerstörte und zurückfiel auf eine vor der Schmiede zur Reparatur stehende Sämaschine.

Zum Glück gab es keinen Brand. Das Loch im Obergeschoss entstand im Kinderzimmer der Mieterfamilie Ringleb. Das dort schlafende Kleinkind hatte einen guten Schutzengel und blieb unverletzt.

Aber der Pilot kam ums Leben. Es war der junge Heiligenstädter Philipp Gries, der sich zur Fliegerausbildung am Standort Eschwege befand. Er wollte seiner im Fuchswinkel wohnenden Großmutter einen Gruß übermitteln, musste aber leider seine Waghalsigkeit mit dem Leben bezahlen.

Gries wurde aus den Trümmern noch lebend geborgen und zur Versorgung in die Truppführerschule des Reichsarbeitsdienstes gebracht, die sich in der  Lindenalleeschule befand.

Der Wachposten vor der Schule hatte sofort Alarm ausgelöst und Hilfe aus dem RAD-Schulhaus angefordert. Doch das Leben des Verunglückten währte nur noch wenige Stunden. Auch Propst Buch (Wohnung Lindenallee 44) eilte sofort zur Unglücksstelle, um dem Schwerverletzten seelsorglichen Beistand zu leisten.

Nur die Ältesten Heiligenstädter würden sich noch an diesen Absturz erinnern, wenn man darüber mit ihnen ins Gespräch kommt.

Immerhin hätten ja einige Zuschauer, unter ihnen auch Alberts spätere Ehefrau Mathilde, geb. Rhode, damals 11 Jahre alt, die schnell vom Richteberg herunter gelaufen war, gesehen, wie die beiden Flugzeuge – das andere war schnell beigedreht und verschwunden – nur knapp über den Altstadtdächern ihre Bahnen gezogen und dabei auch die Kirchtürme von St. Marien umkreist hatten. Absperrmaßnahmen der Polizei hielten dem Ansturm nicht stand. Die Wäscheleine, die von herbei geeilten Polizisten erbeten wurde, war völlig unzureichend.

Für die Kinder sei es ein schlimmes und erschreckendes Erlebnis gewesen, besonders für zwei von Alberts Schwestern, die sich gerade mit einem Nachbarskind auf der Straße aufhielten. Sie rannten vor Angst in die Toreinfahrt der Nachbarn Pingel, denn vor Heinevetters Haustür lagen Trümmer und Blumenkästen.

Unter der Sämaschine hatte ein aus dem Saarland „evakuierter” Schmied gearbeitet. Er bekam die ganze Fracht, das Motoröl, auf sich, überlebte aber das Unglück, während der Onkel, der Herrenschmied Martin Heinevetter, und ein weiterer Geselle unter die Bäume flüchteten. Mit einem gebrochenen Bein und mit schwarzem Öl übergossen wurde der Saarländer aus seiner misslichen Lage befreit und ins Nachbarhaus gebracht, bis zum Transport ins Krankenhaus.

Der (wegen seines Leichtsinns) verunglückte Pilot wurde auf dem Friedhof am Geisleder Tor beigesetzt, gleich hinter der Friedhofsmauer an der Straße.

Etwa zwei Jahre später wurde sein Leichnam umgebettet auf das Feld der Kriegsgräber des Zweiten Weltkrieges. Die Flugzeugtrümmer waren noch am späten Nachmittag vom Eschweger Fliegerstandort abgeholt worden. Einen Tag später – nach der Schadensaufnahme durch die Versicherung – wurde mit den Aufräum- und Reparaturarbeiten an den Häusern begonnen.

Fast 80 Jahre sind seit diesem schlimmen Unglück vergangen. Die Zeitungen berichteten damals von dem Flugzeugabsturz nichts, hatten sich doch die Piloten “unerlaubt von der Truppe entfernt”. Ob es auch Fotos gab, war viele Jahre unbekannt.

Nun fand Georg Klingebiel, Heligenstadt, durch aufmerksames und intensives Forschen 2012 die beiden Fotos und konnte diese einem Geschehen zuzuordnen.

Auch in den späteren Kriegsjahren haben oft Heiligenstädter Piloten „Ehrenrunden“ über der Stadt gedreht, wenn ihre Wegstrecke es ihnen gestattete, aber außerhalb und nicht im Tiefflug.

Heute, nach vielen Jahrzehnten Demokratie und Frieden, europäischer Einigung, schauen wir den “Himmelsschreiber” Flugzeugen zu, die den Himmel über Heiligenstadt – friedlich – kreuzen, bei ihren Flug in alle Himmelsrichtungen – möge es immer so bleiben.